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Warum zuerst Hanf?

Warum eine substanzistische Fokussierung bei der Legalisierungsarbeit sinnvoll sein kann

Die meisten Legalisierungsaktivisten – mich selbst eingeschlossen – sind davon überzeugt, dass staatliche Drogenverbote generell kein vernünftiger Weg sind um Probleme im Umgang mit den unterschiedlichen Substanzen zu behandeln, und wir sagen das auch gelegentlich. Information, Aufklärung, Drogenmündigkeit und gute Präventionsarbeit sind tausendmal wichtiger als Verbote, die sowieso weithin ignoriert werden. Das trifft auf alle Substanzen zu, egal wie süchtig sie machen und egal ob sie pflanzlichen oder chemischen Ursprungs sind. Auch Alkohol wird nicht gesünder, wenn wir ihn verbieten. Ganz im Gegenteil, Substanzverbote haben historisch immer zu einer sinkenden Qualität und stärkeren Gesundheitsgefahren für die Nutzer geführt.

Wer glaubt Heroin, Crack oder Chrystal Meth auf gar keinen Fall legal in dieser Gesellschaft ertragen zu können, der ist genauso den Mythen und Horrorgeschichten der Medien auf den Leim gegangen, wie es viele andere Menschen bei Cannabis getan haben. Und wer glaubt ein Verbot von Alkohol könnte unsere bestehenden Probleme mit Alkoholmißbrauch lösen, ist ebenso auf dem Holzweg. Erfahrungsgemäß wurden die meisten Drogen erst nach ihrer Illegalisierung und Bekämpfung wirklich populär, und dazu tragen die Medien mit den gleichen Artikeln bei, mit denen sie vermeintlich versuchen ihre Leser vom Konsum abzuschrecken. Gleichzeitig führte die Bekämpfung und Verdrängung von klassischen Drogen wie Opium zu massiven Ausweichbewegungen der Konsumenten zu ähnlichen, aber für sie besser verfügbaren Substanzen wie Heroin. Ein moderneres Beispiel sehen wir in den Research Chemicals, wo analoge Substanzen zu den unterschiedlichsten Drogen hergestellt, und von oftmals sehr jungen Konsumenten wagemutig ausprobiert werden.

Kurz: Jeder der sich intensiv und mit offenen Augen mit Drogengesetzgebung beschäftigt, bekommt früher oder später Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Verboten ganz allgemein. Wir alle haben das Recht dies zu sagen und unsere Meinung auszudrücken, auch auf Hanfdemonstrationen. Ich denke nicht das wir uns an diesem Punkt verstellen sollten.

Dennoch bin ich überzeugt, dass es für uns alle Sinn macht sich zunächst und verstärkt um die Legalisierung von Hanf zu bemühen, ganz unabhängig von individuellen Konsumvorlieben. Dafür gibt es verschiedene Argumente, die ich hier kurz darlegen will.

Zunächst muss man feststellen, das Cannabis die weitverbreitetste und am meisten beschlagnahmte illegale Droge in Deutschland ist. Die Zahl der direkt durch das Gesetz geschädigten Menschen ist also am höchsten.

Für die Polizei ist es gleichzeitig eine ständige psychische Bestätigung und Erfolgsmeldung, wenn sie bei Drogenkontrollen Cannabis finden und dieses anzeigen können. Cannabis ist auch eine der Drogen die sich durch Händler und Konsumenten am schlechtesten verstecken lässt. Grade Marihuana ist sehr voluminös, geruchsintensiv und empfindlich gegenüber Druck, Hitze und Licht. Oftmals betreten Polizeibeamte eine Wohnung oder ein Auto und wissen sofort an Hand des Geruchs, das irgendwo Cannabis ist. Wäre Cannabis legal, würden die meisten polizeilichen Drogenrazzien und Kontrollen deutlich weniger „Dope on the table“ am Ende des Tages vorweisen können. Solche Kontrollen werden einfach unproduktiver, wenn nicht ständig kleine harmlose Hanfkonsumenten des Weges kommen um die Statistik zu füllen. Und damit würde es nach einer Legalisierung auch schwerer fallen, die enormen finanziellen Ausgaben hierfür zu rechtfertigen.

Die hohe Konsumentenzahl bietet uns Aktivisten auch eine breite Projektionsfläche in der Bevölkerung, die ein grundsätzliches Interesse am Thema mitbringen. Beim Hanf findet man eine Vielzahl von Konsumenten, die durchaus bis zu einem gewissen Grad bereit sind öffentlich zu agieren. Konsumenten anderer Drogen haben oft noch deutlich höhere Hemmschwellen, sich in Medien oder dem Internet zu „ihrer“ Droge zu bekennen. Auch bei uns ist die Paranoia groß, aber je härter eine Substanz bestraft wird desto mehr verstecken sich ihre Konsumenten.
Da spielt also auch die berühmte geringe Menge eine Rolle, die zwar eigentlich keine Rechtssicherheit bietet, aber dennoch vielen Hanfkonsumenten das Gefühl gibt, mit ihrem Eigenbedarf an Cannabis seien sie nicht in Gefahr.

Zusätzlich muss man sagen: Viele Hanfkonsumenten konsumieren schon jahre oder jahrzehntelang gelegentlich oder regelmäßig Hanf, und sind dadurch sehr stark innerlich mit ihm verbunden. Viele sind schon ewig von der Legalisierung überzeugt, und warten quasi nur auf den Moment wo sie ihren individuellen Beitrag zur Sache leisten können.

Es gibt also eine große Menge von potentiellen Aktivisten für diesen Kampf, die auch mit Leidenschaft und Herzblut an ihre Pflanze glauben und nicht nur aus einer rationalen Überlegung heraus agieren, sondern auch mit emotionaler Verve. Gleichzeitig sind viele dieser Leute auch noch bürgerlich orientiert, mit vernünftigen Berufen und intelektuell und finanziell fähig eine Bewegung aufzubauen. Bei anderen Drogen fehlt es mitunter an solchen Menschen, auch wenn es sie natürlich in geringerer Zahl auch hier gibt.

Dann ist Hanf auf Grund seines relativ guten Images in der Bevölkerung einfacher zu vermarkten, als MDMA oder Kokain. Auch bei Hanf gibt es viele latent vorhandene Ängste die es abzubauen gilt, aber bei anderen Drogen sind diese doch deutlich massiver vorhanden. Es gibt im Moment defintiv deutlich bessere Chancen Modellprojekte zu Cannabis Clubs zu beantragen, als Modellprojekte zu legalen XTC Raves. Auch wenn jeder Aktivist noch so oft betont, das es nicht um die Etablierung einer Substanz sondern um die Regulierung und Kontrollierung geht, wird das ein Großteil der Bevölkerung und Medien nicht anerkennen und weiterhin von Freigabe sprechen. Also spielt die in der Bevölkerung empfundene Gefährlichkeit eine enorme Rolle bei der Frage nach Mehrheiten für eine Legalisierung.

Die medizinische Anwendung von Hanf, genauso wie die Verwendung als Faser ist mittlerweile weithin akzeptiert und ermöglicht dem unbedarften Bürger, Hanf als vielfältige Pflanze zu betrachten auch abseits der Verwendung als Droge. Auch diese Tatsache vereinfacht den Zugang für Normalbürger, die sich eine medizinische Verwendung von Amphetaminen oder Heroin oft nicht vorstellen können oder wollen.

Nach einer erfolgreichen Hanflegalisierung wird es möglich sein die Erfahrungen zu reflektieren und je nachdem wie erfolgreich ein solches Projekt verläuft und wie die Bevölkerung es betrachtet, kann man dann über weitere Substanzen diskutieren. Niemand sollte glauben, dass das automatisch in unserem Sinne funktioniert. In der Schweiz gab es einst massenhaft legale Hanfläden die oftmals sehr unreguliert und frei agierten. Das gefiel nicht jedem, Eltern deren Kinder mit gefälschten Schulausweisen Marihuana kaufen konnten waren nicht unbedingt begeistert von den Zuständen. Eine gute und vernünftige Regulierung ist also durchaus in unser aller Interesse, um auch nach einer Legalisierung die Bevölkerung nicht zu verschrecken und weitere Schritte gehen zu können.

Sicherlich ist das meiste was ich hier geschrieben habe für einen Großteil der Leser völlig unstrittig, aber immer wieder fordern Menschen mehr Engagement in Richtung bestimmter anderer Substanzen, vermutlich meist nach persönlichen Konsumvorlieben. Wer das will, sollte das machen. Es spricht nichts dagegen auch jetzt schon andere Felder zu beackern, aber ich denke im Bereich Hanf haben wir die besten Chancen wirklich Menschen zu erreichen und Dinge zu verändern. Daher sehe ich im Bereich Hanf den entscheidenden Schwerpunkt für die Arbeit jedes Anti-Prohibitionisten, ob Hanffreund oder nicht.

In diesem Sinne

Let´s Legalize it!

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Anreisen zur Hanfparade – Wozu der ganze Stress?

Jedes Jahr vor der Hanfparade liest man im Internet die gleichen Kommentare, warum Menschen nicht nach Berlin kommen können. Es ist zu weit, man muss arbeiten, man hat kein Geld, man findet keine Mitfahrgelegenheit oder keinen Schlafplatz…. Nun, jedes einzelne Argument mag demjenigen der es ausspricht schlüssig und logisch erscheinen. Natürlich sind hunderte Kilometer Anreiseweg oder teure Übernachtungskosten ein echtes Gegenargument für viele. Dafür habe ich auch vollstes Verständnis.

Aber wenn man dann sieht wieviel Aufwand und Kosten die gleichen Leute oftmals auf sich nehmen, um zu Musikfestivals oder nach Holland zu fahren, fragt man sich schon ob da nicht einfach die Prioritäten ein wenig „falsch“ gesetzt werden. Ich selbst bin jetzt das 5te Mal auf der Hanfparade, reise jedes Jahr aus Hessen an und gebe jedes Jahr viel Geld dafür aus. Daher will ich hier mal den Versuch unternehmen, euch zu vermitteln warum es für angehende Hanfaktivisten wichtig ist, sich diesen ganzen Stress anzutun.

Zunächst ist es natürlich grundsätzlich sinnvoll, sich an Demonstrationen und Aktionen zur Legalisierung zu beteiligen. Aber die Hanfparade ist schon etwas ganz besonderes, und hat einen Effekt nicht nur nach außen sondern auch auf die Mitdemonstranten. Die Parade zeigt uns jedes Jahr überdeutlich, das wir nicht alleine sind. Das es eine starke Gemeinschaft von Hanffreunden in Deutschland gibt, die bereit ist sich öffentlich zu engagieren. Und dieses Bewußtsein kann in jedem einzelnen Veränderungen hervorrufen. Wenn man sich sonst von der Gesellschaft unverstanden fühlt, findet man auf der Hanfparade auf einmal massenhaft Gleichgesinnte, die unabhängig von ihrem eigenen Konsum die politische Situation richtig analysieren, und sich der Forderung nach Legalisierung anschließen. In dieser Gemeinschaft wird auf einmal der Glaube an etwas Großes möglich. Die Legalisierung erscheint nur solange ein unglaubwürdiges und unwahrscheinliches Unterfangen, wie man noch nie mit tausenden Gleichgesinnten über die Straßen gezogen ist.  Denn das Gefühl in dieser Situation ist nicht nur erhebend, sondern auch motivierend. Hanf legalisieren ist oftmals harte Arbeit, aber kann auch durchaus Spaß machen und wenn man sich das mal bewusst macht, dann sieht man das es nicht nur darum geht etwas zur Legalisierung beizutragen sondern auch darum, sich selber ein freieres und, ja, lustigeres Leben zu ermöglichen.

So zeigt uns die Parade jedes Jahr einen Weg hin zu mehr Freiheit und Selbstbewusstsein, auch vor der politischen Legalisierung. Sie zeigt uns das eine Politisierung und Vernetzung von Hanffreunden sinnvoll, aber auch angenehm und schön für den einzelnen Beteiligten sein kann. Die Legalisierung ist ein politisches Fernziel das wir verfolgen, aber auch schon vorher können wir durch massenhaftes Engagement Freiräume erschaffen. Eine hanf-freundliche Parallelwelt ist durchaus möglich in Deutschland.

Ich selbst verbinde wunderschöne Erlebnisse mit meinen Besuchen auf der Hanfparade, sei es während der Demonstration, davor oder danach. Die Hanfparade hat mich weitergebracht und verändert. Die Möglichkeit sich in einem völlig legalen Rahmen mit Hanf zu beschäftigen bietet sich eigentlich jedem heimlichen Hanffreund, man braucht nur die Motivation dazu, und diese Motivation hole ich persönlich mir jedes Jahr im August hier ab. Ich lege frühzeitig Urlaub ein, spare ein bißchen Geld und fahre nach Berlin. Wer nicht bereit ist diesen Stress auf sich zu nehmen, der verpasst etwas. So einfach ist das.

Kommt zur Parade, zur Not mit ausgestrecktem Daumen an der Autobahn! Zeigt euer Gesicht oder setzt euch ne Sonnenbrille auf. Egal wie ihr es macht, seid einfach dabei. Es lohnt sich. Euch selbst zuliebe.

http://www.hanfparade.de

hanfparade-poster

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Arbeiten oder Gesicht zeigen?

Über die Möglichkeiten und Grenzen des anonymen Aktivismus

Sehr viele Menschen möchten sich selber für die Legalisierung von Cannabis einsetzen, sehen sich dabei aber mit einer Vielzahl von Ängsten und Risiken konfrontiert. Zwar ist dieser Aktivismus an sich völlig legal solange dabei keine Straftaten begangen oder gestanden werden, dennoch befürchten viele Menschen zu Recht sich selber Probleme zu schaffen wenn sie mit „offenem Visier“ auftreten. Dabei geht es nicht nur um die Angst vor Strafverfolgung, sondern oftmals vor allem um Arbeitgeber und andere Menschen, von denen man privat abhängig ist. Diese Menschen sind oft nicht mit einem einfachen „Ich fordere die Legalisierung von Cannabis nicht weil ich konsumiere sondern weil es sinnvoll ist“ abzuspeisen. Denn sie können eins und eins zusammen zählen und sie sind nicht auf Beweise angewiesen, sondern können mit Vorurteilen und versteckten Repressionen dem Hanffreund ganz schön zusetzen. Und auch polizeiliche Strafverfolgung kann für neue Aktivisten durchaus zum Problem werden, wenn sie noch nicht genau wissen was sie legal sagen dürfen und was nicht.

Insofern finde ich persönlich es völlig gerechtfertigt, sich diesem Thema anonym zu widmen. Letztendlich ist doch der entscheidende Punkt das wir uns engagieren auf allen möglichen Wegen. An bestimmten Punkten macht es Sinn und ist auch risikofrei seinen Namen mit diesem Thema zu verknüpfen, z.B. große offizielle Petitionen. An anderen Stellen wie Facebook oder Internetforen ist es aus meiner Sicht nur von sekundärer Bedeutung ob man unter Pseudonym oder echtem Namen agiert. Gerade bei Facebook birgt eine Verknüpfung von privaten „Freunden“ und Hanfaktivismus gewisse Risiken, über die sich jeder bewußt sein muss. Im Zweifelsfall sehen Eltern oder Arbeitgeber die eigenen Postings, und man wird im realen Leben damit konfrontiert. Das kann natürlich auch sehr positiv für die Legalisierung sein wenn dabei ein gutes Gespräch rauskommt, aber es kann euch auch in eine unangenehme Situation bringen. Daher finde ich die Forderung das Menschen Gesicht zeigen sollen, nicht angebracht. Jeder muss seine eigene persönliche Situation analysieren und sich überlegen, wo und auf welche Art er sich am besten engagieren kann. Mit maximalem Effekt und minimalem persönlichen Risiko. Denn Märtyrer die Gesicht zeigen und Tacheles reden bringen uns nicht wirklich weiter, wir brauchen eine langfristig orientierte Hanfszene die auch in 5 oder 10 Jahren noch stark und prosperierend ist, das heißt auch das wir unnötige Risiken meiden.

Natürlich ist die Angst der Menschen an manchen Punkten ein echtes Hindernis für effektive Arbeit. Wenn engagierte Aktivisten Denk- und Handlungsblockaden haben, wenn Demonstrationsorganisatoren ihr Gesicht nicht in einer Zeitung sehen wollen, wenn trotz 30.000 Unterschriften noch Menschen Angst haben eine Bundestagspetition mitzuzeichnen dann ist das alles nicht gut für unsere Arbeit. Aber wir müssen die Angst dieser Menschen auch Ernst nehmen, sie einfach wegzuwischen nach dem Motto „Wir stehen doch hier und uns passiert auch nichts“ funktioniert nicht. Denn die Menschen haben unterschiedliche Erfahrungshorizonte, unterschiedliche Lebenswelten und unterschiedliche, teilweise lang antrainierte Paranoia Levels. So sehe ich es nicht nur als meine Aufgabe die Menschen zu mehr Mut zu motivieren, sondern auch ihre jeweiligen Ängste wahrzunehmen, zu respektieren und ihnen trotzdem Wege aufzuzeigen, wie sie sich engagieren können. Und wenn jemand bereit ist etwas zu machen, aber dabei gewisse Grenzen auferlegt dann ist das besser als wenn er gar nichts macht. Es gibt unglaublich viel Arbeit zu tun, Dinge die oftmals wirklich nicht spaßig sind aber die uns einfach vorran bringen. Im DHV Forum werden viele Projekte von anonymen Helfern erarbeitet und durchgeführt und jeder einzelne davon hat meinen höchsten Respekt, denn ich weiß wie es ist seine Freizeit zu opfern.

Ich selbst bin seit vielen Jahren für die Legalisierung von Hanf aktiv, und kann von mir behaupten dabei mittlerweile doch recht viel getan und bewegt zu haben. Und ein Großteil meiner Arbeit war nur web-basiert und völlig anonym. Die wenigen Videos mit meinem Gesicht, oder Artikel mit meinem Namen gehen in der großen weiten Welt des Internet völlig unter. Daher wissen auch nur die Leute in meinem Umfeld von meinen Aktivitäten, denen ich es selber erzählt habe. Zu Beginn war ich auf jeder Hanf-Veranstaltung nur mit Sonnenbrille und habe mich immer im Hintergrund gehalten, um im Lauf der Zeit mehr Selbstbewußtsein und Sicherheitsgefühl bei der ganzen Sache zu entwickeln. Dieser Weg steht eigentlich jedem offen, und auch wenn nicht: Man muss nur die gesamte Situation rational analysieren und sich überlegen, wie man sich einsetzen will und kann. Für jeden noch so paranoiden Menschen gibt es Möglichkeiten Geld oder Zeit in die Legalisierungsbewegung zu stecken. Man muss es eigentlich nur wollen.

Denn langfristig ist verstecken und verheimlichen alleine keine empfehlenswerte Taktik. Verstecken macht nämlich nur dann Sinn, wenn man aus seinem Versteck heraus versucht die Situation zu verbessern. Wenn es irgendwann wieder die Möglichkeit gibt aus seinem Versteck heraus zu kommen. Niemand will ewig in Parallelwelten leben und sich überall verstellen wo ihm „die anderen“ begegnen. Das ist kein Leben. Daher kann ich euch nur alle aufrufen: Tut was ihr könnt. Nicht mehr, und nicht weniger.

Euer Groooveman

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Wie rede ich mit Legalisierungsgegnern? – Argumente und ihre Wirkung auf Außenstehende

In der normalen Bevölkerung, aber erstaunlicherweise auch unter uns Cannabiskonsumenten begegnen mir häufig Leute, die gegen die Legalisierung von Cannabis sind. Nicht nur bei Infoständen, auch bei Diskussionen im Alltag, mitunter bei Menschen von denen ich es nicht erwartet hätte. Viele davon fallen auf die üblichen Presse-Geschichten vom „Gengras“ und dem enorm hohen Psychose-Risiko herein, ohne sich die genauen Details anzusehen. Manche Kiffer betrachten auch ihren eigenen Cannabiskonsum kritisch, und wollen andere Menschen davor bewahren, den gleichen Weg zu gehen. Außerdem glauben viele Menschen dass einfache Kiffer ja schon lange nicht mehr bestraft werden, sondern nur die bösen Dealer. Schließlich kifft der eine Bekannte schon seit Ewigkeiten und wurde noch nie bestraft…

Alle diese Leute sehen die aktuelle Gesetzeslage als grundsätzlich richtig, weil sie glauben, es sei schon irgendwie alles in Ordnung. Sie haben einfach kein Problembewusstsein. Diesen Menschen kann man nur mit Informationen entgegentreten! Grade wenn man gelegentlich Flyer verteilt, Infostände gestaltet oder sonst mit fremden Menschen diskutiert, ist es wichtig diese Informationen für Gespräche kurz und knapp stichwortartig parat zu haben. Denn meistens hat man nicht viel Zeit um Menschen zu überzeugen, nach kurzer Zeit schalten sie ab, wollen weiterlaufen oder über andere Themen reden.

Daher hier mal einige Stichpunkte die ich persönlich für essentiell halte, wenn es darum geht Menschen von der Legalisierung von Cannabis zu überzeugen, und sich dabei selber nicht zu verheddern:

1.) Noch nie in der medizinischen Geschichte gab es einen Cannabistoten(ganz im Gegensatz zu Alkohol)

Dieses einfache Argument greift eigentlich immer, und ist auch bereits den allermeisten Menschen bekannt. Es führt im Normalfall zu einer Ablenkung auf andere Risiken des Konsums. Eine weitere Diskussion über die Frage: „Was ist schlimmer Alkohol oder Cannabis?“ halte ich für fruchtlos, weil es sehr subjektiv ist und weil die Diskussion eine unausgesprochene Kritik am Gegenüber beinhaltet. (der ja höchstwahrscheinlich gelegentlich trinkt)

2.) Dealer kontrollieren keine Ausweise und haben auch keine Motivation dazu – legale Geschäfte dagegen müssen sich an Gesetze halten und Jugendschutz gewährleisten. Vereinzelte Käufe von Jugendlichen über Dritte sind weniger dramatisch als ein im Freundeskreis von Jugendlichen agierender Schwarzmarkt

Viele glauben, wenn Cannabis legal ist, wird es wie Alkohol oder sogar wie Süßigkeiten verkauft.  Man muß diesen Menschen erklären, dass es auch alternative Modelle gibt, wie z.B. spezielle Coffeeshops, Verkauf in Apotheken, Cannabis Social Clubs, Eigenanbau usw.

3.) In Holland kifft zumindestens kein größerer Teil der Bevölkerung als in Deutschland , in den USA dagegen ein deutlich größerer Anteil als hier. Eine stärkere staatliche Repression gegen einfache Drogenkonsumenten reduziert nicht nachgewiesenermaßen den Konsum in der Gesamtbevölkerung.

Viele glauben einem das einfach nicht. („Ich war doch mal in Amsterdam, da wurde überall gekifft“) Man kann sie nur auf die aktuellen Statistiken hinweisen, und bitten sich zu informieren. Und darauf hinweisen, dass die öffentlichen Kiffer in Holland meistens Touristen sind.

4.) Cannabiskonsumenten sind in Deutschland nicht entkriminalisiert, je nach Bundesland kann man schon für winzige Mengen sehr hohe Geldstrafen bekommen. Wer häufiger von der Polizei kontrolliert wird, hat mehr Probleme als jemand der nie kontrolliert und durchsucht wird.

„Ja aber der kleine Kiffer wird doch gar nicht von der Polizei verfolgt – die jagen nur die dicken Fische!“ – Nein! Erstens besteht der Beifang bei dieser Jagd aus ca. 100.000 kleinen Cannabiskonsumenten, die nur ihren Eigenkonsum besitzen und zweitens wird auch bei diesen das volle Programm von Telefonüberwachung bis Hausdurchsuchung durchgezogen, um an die bösen Händler zu kommen.

5.) Die gesamte Verfolgung von Konsumenten und Cannabishändlern kostet große Mengen Steuergelder (Polizei, Justiz, Strafvollzug, zerstörte Lebenswege) und verhindert die Besteuerung von Cannabisprodukten.

„Aber die Kosten für das Gesundheitssystem wären höher als die Einnahmen durch die Steuern.“ – Nein! Siehe Argument Nr.3 : Gekifft wird sowieso, ob legal oder illegal.

6.) Eine Diskussion über das komplexe Thema Führerscheinrecht sollte meiner Meinung nach mit Nicht-Konsumenten vermieden werden, wenn es nicht aufgezwungen wird. Also langt der einfache Satz: „Bekifft fahren ist verboten, und soll auch verboten bleiben“

„Werden dann nicht alle bekifft Auto fahren?“ – Nein! Siehe Argument Nr.3 : Gekifft wird sowieso, ob legal oder illegal.

7.) Eigene Konsumerfahrungen sind meiner Erfahrung nach nur bedingt geeignet fremde Menschen zu überzeugen. Wenn man ein sehr positives, gewinnendes Auftreten hat und schon eine gewisse Sympathie von Seiten des Gesprächspartners spürt, kann es eventuell sinnvoll sein eigene Konsumgewohnheiten zu erwähnen, ansonsten halte ich es erstens für unwichtig und unter Umständen kontraproduktiv. Ganz davon abgesehen, dass bei manch einem dann die Paranoia und der Blutdruck steigt, und die Diskussionsfähigkeit leidet

Ironie an: „So sie wollen natürlich leichter an ihr Gras rankommen?“ – Naja schon irgendwie, warum nicht? 🙂 Ironie aus

Es gibt also gute und weniger gute Argumente im Umgang mit Legalisierungsgegnern. Wichtig ist sich seiner Sache sicher zu sein, und selbstbewußt zu diskutieren. Und dabei immer: Freundlich bleiben, lächeln. Den Diskussionspartner ausreden lassen, auch wenn Unsinn kommt oder man selber schon genau weiß, was kommen wird. Auch wenn man den anderen nicht sofort überzeugen kann, freundlich verabschieden und darauf hoffen, dass die platzierten Argumente ein bißchen im Kopf hängen bleiben. Nicht jeder ist innerlich stark genug, um bei einem derart brisanten Thema wie Cannabis und Drogen sofort auf die Legalisierungswelle umzuschwenken, nachdem man jahrzehntelang nur gehört hat wie schlimm Drogen sind. Also erwartet nicht immer, dass ein von Springer oder anderen Mainstream Medien gefütterter Mensch euch sofort versteht, gebt ihm etwas Zeit. Alte Gewissheiten sind schwer abzulegen.

Viel Spaß beim Diskutieren, Let´s Legalize!

grüne Grüße, Euer Groooveman

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Cannabisprohibition im Vergleich

Eines der Konfliktthemen, die gelegentlich unter LegalisierungsbefürworterInnen auftauchen, ist die Frage womit man die Situation der Cannabiskonsumenten vergleichen kann.

Dieser Konflikt tritt meist dann auf, wenn einzelne Personen die staatliche Verfolgung von Kiffern mit der staatlichen Verfolgung von Juden im Dritten Reich vergleichen. Dieser Vergleich liegt nahe, wenn man sich selber ständig verfolgt fühlt, den Job verliert, das Telefon abgehört wird und manche sogar im Gefängnis landen. Manch ein Kiffer wird mehr als nur stigmatisiert, es geht um staatliche Kriminalisierung und de Facto um eine Verneinung unseres Existenzrechtes durch den Staat. Insofern erscheint der Vergleich manch einem gerechtfertigt.

Bei genauerer Betrachtung ist dies jedoch Blödsinn, und es ist gefährlicher Blödsinn da dieser Vergleich (meist ungewollt) auch eine Relativierung der Grausamkeiten des Holocaust darstellt. Die Verfolgung der Juden im Dritten Reich gipfelte jedoch nicht nur im staatlich organisierten Mord an vielen Millionen Menschen, sondern sie war von Anfang an auf eine intensive Verfolgung und Auffindung der Juden gerichtet, und insofern schon strukturell völlig anders angelegt als die Cannabisprohibition in Deutschland.

Tatsächlich haben nämlich Kiffer in Deutschland sehr wohl ein Existenzrecht – sie dürfen sich nur nicht bei Straftaten erwischen lassen. Da liegt ein großer Unterschied, und dieser Unterschied ermöglicht es uns, selber für unsere Sache einzutreten. Niemand wird eure Wohnungstür eintreten, nur weil ihr euch öffentlich Pro-Cannabis äußert, wir brauchen also keine US-Army, die die Gefängnisse stürmt um die Kiffer zu befreien, sondern wir müssen selber die Sache in die Hand nehmen und unsere Meinung verbreiten!

Und das bringt mich zu einem in vielerlei Hinsicht besseren Vergleich für unsere Situation: Die Verfolgung von Homosexuellen.

Lange Zeit, noch bis in die späten 60er Jahre hinein, war Unzucht mit Männern in Deutschland grundsätzlich ein Straftatbestand. Zehntausende Männer wurden tatsächlich deswegen verurteilt, die Strafen reichten von Geldstrafen bis hin zu kurzen Freiheitsstrafen. Im Laufe der Zeit wurde dann der Paragraph 175 entschärft, und erst 1994 ersatzlos gestrichen. Gleichzeitig fand ein enormer gesellschaftlicher Wandel statt, das Thema Homosexualität wurde enttabuisiert und immer mehr in die Öffentlichkeit gebracht. Trotzdem haben viele Deutsche heute noch große Vorurteile und Ängste gegenüber Homosexuellen und ganz besonders homosexuellen Männern, so dass es der Schwulenbewegung an Arbeit auch für die nächsten Jahrzehnte sicherlich nicht mangeln wird, ähnlich wie bei der Cannabisbewegung in Washington und Colorado, wo Cannabis legalisiert wurde.

Denn: Dieser gesellschaftliche Wandel, die Freiheit die viele Homosexuelle heute in Deutschland genießen können, wurde in erster Linie durch eine aktive politische und kulturelle Bewegung geschaffen, durch viele tausend Briefe, Outings, Demonstrationen, Aktionen, Bücher, Filme, Presseberichte usw. Und genau diesen Weg können wir auch gehen! Wir müssen uns nur klar sein, dass die Bedeutung dieses Themas für uns so groß ist, das wir nicht bereit sind weiter zu zuschauen, wie gegen unsere Interessen Politik gemacht wird. Wir müssen erkennen, dass wir auch dann Betroffene dieses Gesetzes sind, wenn wir es erfolgreich schaffen uns davor zu verstecken, oder wenn wir gerade nicht aktiv konsumieren.

Der Vergleich zwischen der Verfolgung von Homosexuellen in der BRD und der Verfolgung von Cannabiskonsumenten bringt also deutlich mehr Ähnlichkeiten, als ein Vergleich zu den deutlich dramatischeren und brutaleren Vorgängen im dritten Reich. Hier nochmal die von mir festgestellten Überschneidungen, ich freue mich über Ergänzungen eurerseits:

  • Sowohl der homosexuelle Akt als auch der Akt des Cannabisbesitzes sind kein fremdschädigendes Verhalten
  • Homosexuelle konnten sich theoretisch gut verstecken bzw. zwei getrennte Leben führen.
  • Sie konnten in manchen Städten auch lange Zeit sehr offen leben, um dann an einem Tag plötzlich und überraschend in eine Razzia zu geraten.
  • Die Diskriminierung war nicht nur staatlich organisiert, sondern auch gesellschaftlich weit verbreitet.
  • Die Liberalisierung entwickelte sich regional unterschiedlich, in den Städten schneller als auf dem Land.
  • Homosexuelle bekamen wie Cannabiskonsumenten Geld- und Freiheitsstrafen.
  • Homosexuelle haben ihre eigenen Demonstrationen und Vereine organisiert, um ihr Thema selber aktiv in die Öffentlichkeit zu bringen.
  • Der Christopher Street Day ähnelt mit seinem weltweiten Ansatz dem Global Marijuana March.

Unterschiede gibt es natürlich auch:

  • Die heutigen Strafen für Cannabishandel und Anbau übertreffen die früheren Strafen für Unzucht mit Männern deutlich.
  • Wer homosexuell ist, begreift meist schnell dass er dies ein Leben lang sein wird. Kiffer dagegen rechnen meist damit, sowieso irgendwann aufzuhören.
  • Sexualität ist tatsächlich fester verwurzelt und scheint weniger leicht zu unterdrücken als Substanzkonsum.
  • HIV brachte dem Thema Homosexualität einen enormen Auftrieb, der die Entstehung vieler Initiativen und Vereine begünstigte. Die wachsende Diskriminierung von homosexuellen HIV-Kranken führte zu wachsender Empörung, auch bei Unbeteiligten.

Ich hoffe in Zukunft seltener mit dem Juden-Vergleich konfrontiert zu werden, er ist nicht nur falsch sondern er relativiert auch die dramatischen Ereignisse des Holocaust. Wie anfangs schon geschrieben: Ich kann menschlich verstehen wenn einige sich so schlimm behandelt fühlen, dass sie meinen diesen drastischen Vergleich wählen zu müssen. Aber es ist einfach nicht richtig! Und es gibt bessere Vergleiche, die man ziehen kann. Allen vorran natürlich die Alkoholprohibition in den USA, aber das wäre ein ganz eigenes Thema.

In diesem Sinne: Einen guten Rutsch und vielen Dank fürs Lesen.

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