Ein ganz persönlicher Bericht zur Millionärswahl

Das waren ein paar völlig verrückte Wochen…

Schon die Anfangsphase der Millionärswahl war für mich wie für manch andere ein echtes Wechselbad der Gefühle. Nicht nur die mehrfachen Änderungen bei Regeln und Sendezeiten der Millionärswahl sorgten bei mir für Anspannung, sondern auch die szeneinternen Streitereien.

Nach dem riesigen Erfolg in der ersten Sendung war meine Stimmung wieder super, als dann aber plötzlich die Sendung aus dem TV ins Internet verlegt wurde, befürchtete ich doch ein sinkendes Interesse seitens der DHV Unterstützer, und ich muss zugeben es regte mich auch massiv auf weil ich bereits das Werbebild für den TV Sendetermin auf Facebook gepostet hatte. Da das Bild beim ersten Mal natürlich öfter geteilt und geliked wurde, als beim Re-Posting, konnten wir unmöglich alle Fans noch über die Änderung informieren. Einige Menschen haben am Samstag Abend sicherlich erst beim DHV Siegesbild gemerkt, das die Sendung aus dem Fernsehen ins Internet und gleichzeitig vorverlegt wurde.

Dazu kam meine persönliche Dramatik. Es begann am letzten Donnerstag. Ich bekam einen Weisheitszahn operativ entfernt, und rechnete mit einer Genesungszeit von 2-4 Tagen. Auf Grund des anstehenden Finales, des Chaos um die Bewerbung des Events und wegen dem riesigen Andrang beim DHV arbeitete ich natürlich auch in dieser Zeit konsequent online weiter. Das war wohl dem Heilungsverlauf nicht sehr zuträglich… Schon länger hatte ich allerdings rund um den 25.Januar eine Fahrt nach Berlin geplant, und diese wollte ich auch trotz Millionärswahl und Zahnschmerzen durchführen. Ausgestattet mit meinem Laptop und 2 Blistern Ibuprofen 400 ging ich auf die Reise.

Schmerzfrei und zufrieden konnte ich mich hier etwas vom selbst gemachten Druck befreien, und legte einen Tag Pause ein. Da ich bei Freunden zu Besuch war, deren Begeisterung für die Millionärswahl sich in engen Grenzen bewegte, suchte ich für den Samstag Abend nach Alternativen. Leider war Max krank und auch andere Interessenten an einem gemeinsamem Millionärswahl-Event konnte ich in Berlin nicht ausmachen. Da kam es mir sehr entgegen, dass meine Aktivistentruppe in Frankfurt die Hanf-Initiative es tatsächlich geschafft hatte, ein Public Viewing zur Sendung zu organisieren. Also buchte ich am Freitag Abend eine Mitfahrgelegenheit für Samstag früh, und stand um 07:30 Uhr in Neukölln auf, um mich zum Treffpunkt zu begeben.

Eine nette Dame mittleren Alters fuhr mit mir alleine und war sehr gesprächig, so konnte ich nicht wie geplant während der Fahrt noch etwas Schlaf nachholen. Sie erzählte viel von sich selber und es war eigentlich sehr nett. Allerdings wirkte sie doch eher etwas spießig, so dass ich mich anfangs eher zurück hielt. Auf die Frage nach meinem Beruf und meinen privaten Tätigkeiten erwähnte ich dann doch den Deutschen Hanfverband. Daraufhin schaute sie mich völlig begeistert an und signalisierte deutliche Zustimmung. Sie selber habe ja nie etwas für Hanf übrig gehabt, aber ihr Bruder habe früher Cannabis konsumiert und zum Eigenbedarf angebaut, und sei damit erwischt worden. Die Strafe und der ganze Stress rund um die Hausdurchsuchung waren ihr noch in guter Erinnerung. Es entsponn sich ein  interessantes Gespräch über die vielen Nachteile des Verbots und über Wege zur Kontrolle und Regulierung eines legalen Marktes. Wir freundeten uns regelrecht an.

Nach der Hälfte der Strecke machten wir Halt an einer Raststätte die von jungen, männlichen Fußballfans bevölkert war. Diese waren scheinbar einigen Reisebussen entsprungen und größtenteils stark angetrunken. Ich ging mit meiner Begleiterin ins „Serways“ Café um in Ruhe etwas zu essen und auf Toilette zu gehen. Direkt neben der Eingangstür standen 3 junge Männer. Einer hielt einen Plastikbeutel in der Hand und schüttete seinem Bekannten etwas auf die Hand. Beim Näherkommen sah ich kleine grüne Blütchen und ein langes Zigarettenpapier. Ich fing an zu grinsen und ging mit ausgestrecktem Daumen auf die Jungs zu: „Habt ihr schon gehört das heute Abend im Finale von der Millionärswahl Georg vom Deutschen Hanfverband für die Legalisierung von Cannabis antritt?“

Ich blickte in glasige Augen und rote Wangen, aber bei einem der Jungs schien irgendwas zu klingeln. Langsam sprudelte es aus ihm heraus: „Ja Man! Der Typ ist voll geil ich hab das gesehen im Fernsehen voll krass. Das ist heute? Ja ey wir sind beim Fußball heute Abend leider, aber hoffentlich gewinnt er“

Ich empfahl noch kurz die DHV Facebookseite um auch im Stadion die Nummer zum Voten zu kriegen, und ging dann mit einem Grinsen auf dem Gesicht weiter. Eine intensivere Diskussion des Themas erschien mir angesichts des eher desolaten Zustands meiner Gesprächspartner nicht sinnvoll. Auf jeden Fall stieg meine Stimmung durch die Gespräche weiter an, und ich freute mich auf den Abend mit Ingrid und meinen FreundInnen von der Hanf-Initiative.

Leider fuhr mich meine Fahrerin nicht wie erhofft nach Frankfurt, sondern nach Mainz. Da sie so sympathisch und auch ein wenig hilflos in Bezug auf den Frankfurter Straßenverkehr war, akzeptierte ich das widerspruchslos und fuhr vom Mainzer Bahnhof zurück zum Hauptbahnhof Frankfurt, und von dort dann weiter nach Ginnheim wo unser Treffen stattfand.

Kurz nach 6 Uhr abends kam ich dann müde und mit pochender Backe am Treffpunkt der Hanf-Initiative an. Nach und nach erschienen mehr Leute, so dass wir am Ende zu siebt dem Finale entgegen fieberten. Darunter 3 völlig neue Leute die wir bisher nicht kannten. Der Sekt war zwar schon kaltgestellt, aber angesichts der starken Konkurrenz schien der Erfolg absolut nicht sicher. Mehr zu diesem Public Viewing Event werdet ihr sicher bald auf der Seite der Hanf-Initiative Frankfurt erfahren, ihr könnt sie auch auf Facebook liken für alle Infos.

Der Jubel nach Georgs Sieg war natürlich riesig! 2 Flaschen Sekt wurden vernichtet, und auch sonst ließen wir uns nicht lumpen und zelebrierten den Abend ausgiebig. Ich muss zugeben, mir kamen kurzzeitig die Tränen ob dieses riesigen Erfolges. Da es schon spät war, und ich nach Marburg noch eine Zugeise von über 100 km vor mir hatte, beschloss ich die Nacht bei meiner treuen Mitstreiterin und Vorkämpferin Ingrid Wunn zu verbringen. Gegen 2 Uhr nachts fielen wir müde und erschöpft, aber überglücklich in die Betten.

Als es um halb 6 an der Tür klingelte, wachte ich auf. Beim zweiten Klingeln, ahnte ich wer da ist. Beim dritten Klingeln stand ich im Schlafsack im Zimmer. Wenn nach einem Aktivisten Treffen morgens früh Sturm geklingelt wird, gibt es eigentlich nur einen Gedanken… Wir machen als Hanf-Initiative nichts Verbotenes und sind uns unserer Sache auch sehr sicher, aber in diesem Moment schlackern einem dann doch die Knie. Immerhin sind wir nicht nur Hanfaktivisten, sondern Ingrid ist auch bekennende Cannabispatientin ohne Ausnahmegenehmigung. Mein erster Weg führte mich also zur Toilette, während ein anderer Hausgast die Tür öffnete und die Bestätigung meiner Vermutung bekam. Die Polizei wünschte Herr oder Frau W. zu sprechen. Und: „es würde sich lohnen, sie zu wecken…“

Ingrid ging an die Tür und begann das Gespräch. Schnell wurde klar: Dieser Besuch hat absolut nichts mit unserer politischen Arbeit zu tun. Ingrids erwachsener Sohn war in der gleichen Nacht als wir uns freudestrahlend in den Armen lagen, vor einer Kneipe von 2 Menschen angesprochen worden. Diese versuchten wohl ihm sein Handy und sein Geld zu rauben. Scheinbar von dem Mißerfolg frustriert, prügelten die Täter auf ihn ein, und verletzten ihn massiv im Gesichtsbereich. Zur Beruhigung aller Leser: Es geht ihm den Umständen entsprechend gut, langfristig bleibende Schäden wird es wohl nicht geben. Aber der Schock saß natürlich tief, und ehrlich gesagt wünschten wir uns innerlich alle, das morgendliche Klingeln wäre die Hausdurchsuchung gewesen die unsere paranoiden Gedanken uns vermuten ließen…

Sofort fuhren wir zu viert mit dem Taxi ins Krankenhaus. Jetzt ist es elf Uhr morgens. Ich sitze im Wartesaal der Uni Klinik und schreibe diesen Bericht. Ich habe in den letzten Wochen jede Nacht schlecht geschlafen, teils wegen den Schmerzen durch den entfernten Weisheitszahn, und teils wegen dem enormen Psycho-Stress rund um die Millionärswahl. Die letzten beiden Nächte haben den Schlafmangel und auch mein Stress Level noch einmal ganz enorm gesteigert. Vor allem aber hat uns die Nacht vom Samstag eines gezeigt: Ein politischer Erfolg wird ganz schnell nebensächlich, wenn es um die Gesundheit von Freunden und Angehörigen geht.

Und noch etwas hat uns dieses Erlebnis eindrucksvoll klargemacht: Unsere politische Arbeit ist legal. Wenn morgens früh nach einem Aktivistentreffen die Polizei klingelt, kann das eine Vielzahl von Gründen haben. Eine Hausdurchsuchung ist der unwahrscheinlichste davon. Ich habe lange gezögert diese Geschichte hier überhaupt zu veröffentlichen, mich jetzt aber dafür entschieden um euch diesen entscheidenden Punkt klarzumachen: Wir sind keine Kriminellen, und das müssen wir uns auch selber bewußt machen.

Es war ein enormer Kraftakt, der diese Millionärswahl begleitet hat. Für mich persönlich, aber auch für alle anderen DHV Mitarbeiter. Wir werden einige Tage brauchen, um die Batterien wieder aufzuladen. Dafür sollte jeder Verständnis haben.

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Kategorien: Private Erlebnisse

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4 Gedanken zu „Ein ganz persönlicher Bericht zur Millionärswahl

  1. DrGonzo

    Eine schöne persönliche Geschichte. Schön auch, dass du diese nach so kurzer Zeit schon relativ reflektiert sehen kannst.
    Danke!

  2. HMV

    Spannende Geschichte und gut finde ich Dein Fazit. Hanfaktivisten sind keine Kriminellen. Ist eigentlich klar, aber muss man sich immer wieder vergegenwärtigen.

    Grüne Grüße

  3. Pingback: Ein Erlebnisbericht zum Public Viewing #Millionärswahl - Hanf-Initiative Frankfurt am Main

  4. Gut geschrieben. Da kann ich mich absolut hineinversetzen. Danke für diesen hautnahen Bericht. Bin bzgl. 6 oder 7 Uhr morgendlichem Klingeln auch schwer traumatisiert. Klar – da rechnet man immer mit der Polizei. Wage es ja keiner meiner Bekannten nochmal unangemeldet um diese Uhrzeit zu klingeln. Ist nun schon Jahre her, aber es sitzt noch immer, selbst wenn kein Grund vorhanden ist, rutscht mir da das Herz in die Hose.

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