Warum zuerst Hanf?

Warum eine substanzistische Fokussierung bei der Legalisierungsarbeit sinnvoll sein kann

Die meisten Legalisierungsaktivisten – mich selbst eingeschlossen – sind davon überzeugt, dass staatliche Drogenverbote generell kein vernünftiger Weg sind um Probleme im Umgang mit den unterschiedlichen Substanzen zu behandeln, und wir sagen das auch gelegentlich. Information, Aufklärung, Drogenmündigkeit und gute Präventionsarbeit sind tausendmal wichtiger als Verbote, die sowieso weithin ignoriert werden. Das trifft auf alle Substanzen zu, egal wie süchtig sie machen und egal ob sie pflanzlichen oder chemischen Ursprungs sind. Auch Alkohol wird nicht gesünder, wenn wir ihn verbieten. Ganz im Gegenteil, Substanzverbote haben historisch immer zu einer sinkenden Qualität und stärkeren Gesundheitsgefahren für die Nutzer geführt.

Wer glaubt Heroin, Crack oder Chrystal Meth auf gar keinen Fall legal in dieser Gesellschaft ertragen zu können, der ist genauso den Mythen und Horrorgeschichten der Medien auf den Leim gegangen, wie es viele andere Menschen bei Cannabis getan haben. Und wer glaubt ein Verbot von Alkohol könnte unsere bestehenden Probleme mit Alkoholmißbrauch lösen, ist ebenso auf dem Holzweg. Erfahrungsgemäß wurden die meisten Drogen erst nach ihrer Illegalisierung und Bekämpfung wirklich populär, und dazu tragen die Medien mit den gleichen Artikeln bei, mit denen sie vermeintlich versuchen ihre Leser vom Konsum abzuschrecken. Gleichzeitig führte die Bekämpfung und Verdrängung von klassischen Drogen wie Opium zu massiven Ausweichbewegungen der Konsumenten zu ähnlichen, aber für sie besser verfügbaren Substanzen wie Heroin. Ein moderneres Beispiel sehen wir in den Research Chemicals, wo analoge Substanzen zu den unterschiedlichsten Drogen hergestellt, und von oftmals sehr jungen Konsumenten wagemutig ausprobiert werden.

Kurz: Jeder der sich intensiv und mit offenen Augen mit Drogengesetzgebung beschäftigt, bekommt früher oder später Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Verboten ganz allgemein. Wir alle haben das Recht dies zu sagen und unsere Meinung auszudrücken, auch auf Hanfdemonstrationen. Ich denke nicht das wir uns an diesem Punkt verstellen sollten.

Dennoch bin ich überzeugt, dass es für uns alle Sinn macht sich zunächst und verstärkt um die Legalisierung von Hanf zu bemühen, ganz unabhängig von individuellen Konsumvorlieben. Dafür gibt es verschiedene Argumente, die ich hier kurz darlegen will.

Zunächst muss man feststellen, das Cannabis die weitverbreitetste und am meisten beschlagnahmte illegale Droge in Deutschland ist. Die Zahl der direkt durch das Gesetz geschädigten Menschen ist also am höchsten.

Für die Polizei ist es gleichzeitig eine ständige psychische Bestätigung und Erfolgsmeldung, wenn sie bei Drogenkontrollen Cannabis finden und dieses anzeigen können. Cannabis ist auch eine der Drogen die sich durch Händler und Konsumenten am schlechtesten verstecken lässt. Grade Marihuana ist sehr voluminös, geruchsintensiv und empfindlich gegenüber Druck, Hitze und Licht. Oftmals betreten Polizeibeamte eine Wohnung oder ein Auto und wissen sofort an Hand des Geruchs, das irgendwo Cannabis ist. Wäre Cannabis legal, würden die meisten polizeilichen Drogenrazzien und Kontrollen deutlich weniger „Dope on the table“ am Ende des Tages vorweisen können. Solche Kontrollen werden einfach unproduktiver, wenn nicht ständig kleine harmlose Hanfkonsumenten des Weges kommen um die Statistik zu füllen. Und damit würde es nach einer Legalisierung auch schwerer fallen, die enormen finanziellen Ausgaben hierfür zu rechtfertigen.

Die hohe Konsumentenzahl bietet uns Aktivisten auch eine breite Projektionsfläche in der Bevölkerung, die ein grundsätzliches Interesse am Thema mitbringen. Beim Hanf findet man eine Vielzahl von Konsumenten, die durchaus bis zu einem gewissen Grad bereit sind öffentlich zu agieren. Konsumenten anderer Drogen haben oft noch deutlich höhere Hemmschwellen, sich in Medien oder dem Internet zu „ihrer“ Droge zu bekennen. Auch bei uns ist die Paranoia groß, aber je härter eine Substanz bestraft wird desto mehr verstecken sich ihre Konsumenten.
Da spielt also auch die berühmte geringe Menge eine Rolle, die zwar eigentlich keine Rechtssicherheit bietet, aber dennoch vielen Hanfkonsumenten das Gefühl gibt, mit ihrem Eigenbedarf an Cannabis seien sie nicht in Gefahr.

Zusätzlich muss man sagen: Viele Hanfkonsumenten konsumieren schon jahre oder jahrzehntelang gelegentlich oder regelmäßig Hanf, und sind dadurch sehr stark innerlich mit ihm verbunden. Viele sind schon ewig von der Legalisierung überzeugt, und warten quasi nur auf den Moment wo sie ihren individuellen Beitrag zur Sache leisten können.

Es gibt also eine große Menge von potentiellen Aktivisten für diesen Kampf, die auch mit Leidenschaft und Herzblut an ihre Pflanze glauben und nicht nur aus einer rationalen Überlegung heraus agieren, sondern auch mit emotionaler Verve. Gleichzeitig sind viele dieser Leute auch noch bürgerlich orientiert, mit vernünftigen Berufen und intelektuell und finanziell fähig eine Bewegung aufzubauen. Bei anderen Drogen fehlt es mitunter an solchen Menschen, auch wenn es sie natürlich in geringerer Zahl auch hier gibt.

Dann ist Hanf auf Grund seines relativ guten Images in der Bevölkerung einfacher zu vermarkten, als MDMA oder Kokain. Auch bei Hanf gibt es viele latent vorhandene Ängste die es abzubauen gilt, aber bei anderen Drogen sind diese doch deutlich massiver vorhanden. Es gibt im Moment defintiv deutlich bessere Chancen Modellprojekte zu Cannabis Clubs zu beantragen, als Modellprojekte zu legalen XTC Raves. Auch wenn jeder Aktivist noch so oft betont, das es nicht um die Etablierung einer Substanz sondern um die Regulierung und Kontrollierung geht, wird das ein Großteil der Bevölkerung und Medien nicht anerkennen und weiterhin von Freigabe sprechen. Also spielt die in der Bevölkerung empfundene Gefährlichkeit eine enorme Rolle bei der Frage nach Mehrheiten für eine Legalisierung.

Die medizinische Anwendung von Hanf, genauso wie die Verwendung als Faser ist mittlerweile weithin akzeptiert und ermöglicht dem unbedarften Bürger, Hanf als vielfältige Pflanze zu betrachten auch abseits der Verwendung als Droge. Auch diese Tatsache vereinfacht den Zugang für Normalbürger, die sich eine medizinische Verwendung von Amphetaminen oder Heroin oft nicht vorstellen können oder wollen.

Nach einer erfolgreichen Hanflegalisierung wird es möglich sein die Erfahrungen zu reflektieren und je nachdem wie erfolgreich ein solches Projekt verläuft und wie die Bevölkerung es betrachtet, kann man dann über weitere Substanzen diskutieren. Niemand sollte glauben, dass das automatisch in unserem Sinne funktioniert. In der Schweiz gab es einst massenhaft legale Hanfläden die oftmals sehr unreguliert und frei agierten. Das gefiel nicht jedem, Eltern deren Kinder mit gefälschten Schulausweisen Marihuana kaufen konnten waren nicht unbedingt begeistert von den Zuständen. Eine gute und vernünftige Regulierung ist also durchaus in unser aller Interesse, um auch nach einer Legalisierung die Bevölkerung nicht zu verschrecken und weitere Schritte gehen zu können.

Sicherlich ist das meiste was ich hier geschrieben habe für einen Großteil der Leser völlig unstrittig, aber immer wieder fordern Menschen mehr Engagement in Richtung bestimmter anderer Substanzen, vermutlich meist nach persönlichen Konsumvorlieben. Wer das will, sollte das machen. Es spricht nichts dagegen auch jetzt schon andere Felder zu beackern, aber ich denke im Bereich Hanf haben wir die besten Chancen wirklich Menschen zu erreichen und Dinge zu verändern. Daher sehe ich im Bereich Hanf den entscheidenden Schwerpunkt für die Arbeit jedes Anti-Prohibitionisten, ob Hanffreund oder nicht.

In diesem Sinne

Let´s Legalize it!

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2 Gedanken zu „Warum zuerst Hanf?

  1. hrzghrrrr

    Gute Argumentationsreihe und ich stimme dir zu, auch wenn das „Meine Droge ist besser als Deine“ und „harte Drogen – weiche Drogen“ Gewäsch vieler Hanfaktivisten völlig kontraproduktiv für die Diskussion ist und einen wirklich zur Weisglut bringen kann.

    Dennoch sprechen viele Gründe dafür, mit Cannabis den ersten kleinen Schritt in Richtung Legalisierung ung Regulierung zu machen.

    Neben den von dir genannten finde ich noch reizvoll, dass sich die Cannabisvergabe über das Konzept der Cannabis-Social-Clubs regeln lassen würde, also eine Vergabe fern von staatlich lizensierten Abgabeshops oder freier Vermarktung mit Werbung an Minderjährige (*schauder*).
    XTC, Crystal oder Heroin-Social-Clubs ließen sich aufgrund des Umgangs mit z.T. giftigen und gefährlichen Substanzen und allen möglichen arbeitssichertstechnischen Bestimmungen deutlich schwieriger Umsetzen als „ein bisschen Hobbygärtnerei“ 😉

  2. So lange die „Hanf zuerst“-Philosophie nicht dazu führt, das als richtig erkannte Fernziel „Legalisierung aller Drogen“ zu verleugnen, bin ich auf deiner Seite. Erfahrungsgemäß ist das aber ein schmaler Grat…

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