Arbeiten oder Gesicht zeigen?

Über die Möglichkeiten und Grenzen des anonymen Aktivismus

Sehr viele Menschen möchten sich selber für die Legalisierung von Cannabis einsetzen, sehen sich dabei aber mit einer Vielzahl von Ängsten und Risiken konfrontiert. Zwar ist dieser Aktivismus an sich völlig legal solange dabei keine Straftaten begangen oder gestanden werden, dennoch befürchten viele Menschen zu Recht sich selber Probleme zu schaffen wenn sie mit „offenem Visier“ auftreten. Dabei geht es nicht nur um die Angst vor Strafverfolgung, sondern oftmals vor allem um Arbeitgeber und andere Menschen, von denen man privat abhängig ist. Diese Menschen sind oft nicht mit einem einfachen „Ich fordere die Legalisierung von Cannabis nicht weil ich konsumiere sondern weil es sinnvoll ist“ abzuspeisen. Denn sie können eins und eins zusammen zählen und sie sind nicht auf Beweise angewiesen, sondern können mit Vorurteilen und versteckten Repressionen dem Hanffreund ganz schön zusetzen. Und auch polizeiliche Strafverfolgung kann für neue Aktivisten durchaus zum Problem werden, wenn sie noch nicht genau wissen was sie legal sagen dürfen und was nicht.

Insofern finde ich persönlich es völlig gerechtfertigt, sich diesem Thema anonym zu widmen. Letztendlich ist doch der entscheidende Punkt das wir uns engagieren auf allen möglichen Wegen. An bestimmten Punkten macht es Sinn und ist auch risikofrei seinen Namen mit diesem Thema zu verknüpfen, z.B. große offizielle Petitionen. An anderen Stellen wie Facebook oder Internetforen ist es aus meiner Sicht nur von sekundärer Bedeutung ob man unter Pseudonym oder echtem Namen agiert. Gerade bei Facebook birgt eine Verknüpfung von privaten „Freunden“ und Hanfaktivismus gewisse Risiken, über die sich jeder bewußt sein muss. Im Zweifelsfall sehen Eltern oder Arbeitgeber die eigenen Postings, und man wird im realen Leben damit konfrontiert. Das kann natürlich auch sehr positiv für die Legalisierung sein wenn dabei ein gutes Gespräch rauskommt, aber es kann euch auch in eine unangenehme Situation bringen. Daher finde ich die Forderung das Menschen Gesicht zeigen sollen, nicht angebracht. Jeder muss seine eigene persönliche Situation analysieren und sich überlegen, wo und auf welche Art er sich am besten engagieren kann. Mit maximalem Effekt und minimalem persönlichen Risiko. Denn Märtyrer die Gesicht zeigen und Tacheles reden bringen uns nicht wirklich weiter, wir brauchen eine langfristig orientierte Hanfszene die auch in 5 oder 10 Jahren noch stark und prosperierend ist, das heißt auch das wir unnötige Risiken meiden.

Natürlich ist die Angst der Menschen an manchen Punkten ein echtes Hindernis für effektive Arbeit. Wenn engagierte Aktivisten Denk- und Handlungsblockaden haben, wenn Demonstrationsorganisatoren ihr Gesicht nicht in einer Zeitung sehen wollen, wenn trotz 30.000 Unterschriften noch Menschen Angst haben eine Bundestagspetition mitzuzeichnen dann ist das alles nicht gut für unsere Arbeit. Aber wir müssen die Angst dieser Menschen auch Ernst nehmen, sie einfach wegzuwischen nach dem Motto „Wir stehen doch hier und uns passiert auch nichts“ funktioniert nicht. Denn die Menschen haben unterschiedliche Erfahrungshorizonte, unterschiedliche Lebenswelten und unterschiedliche, teilweise lang antrainierte Paranoia Levels. So sehe ich es nicht nur als meine Aufgabe die Menschen zu mehr Mut zu motivieren, sondern auch ihre jeweiligen Ängste wahrzunehmen, zu respektieren und ihnen trotzdem Wege aufzuzeigen, wie sie sich engagieren können. Und wenn jemand bereit ist etwas zu machen, aber dabei gewisse Grenzen auferlegt dann ist das besser als wenn er gar nichts macht. Es gibt unglaublich viel Arbeit zu tun, Dinge die oftmals wirklich nicht spaßig sind aber die uns einfach vorran bringen. Im DHV Forum werden viele Projekte von anonymen Helfern erarbeitet und durchgeführt und jeder einzelne davon hat meinen höchsten Respekt, denn ich weiß wie es ist seine Freizeit zu opfern.

Ich selbst bin seit vielen Jahren für die Legalisierung von Hanf aktiv, und kann von mir behaupten dabei mittlerweile doch recht viel getan und bewegt zu haben. Und ein Großteil meiner Arbeit war nur web-basiert und völlig anonym. Die wenigen Videos mit meinem Gesicht, oder Artikel mit meinem Namen gehen in der großen weiten Welt des Internet völlig unter. Daher wissen auch nur die Leute in meinem Umfeld von meinen Aktivitäten, denen ich es selber erzählt habe. Zu Beginn war ich auf jeder Hanf-Veranstaltung nur mit Sonnenbrille und habe mich immer im Hintergrund gehalten, um im Lauf der Zeit mehr Selbstbewußtsein und Sicherheitsgefühl bei der ganzen Sache zu entwickeln. Dieser Weg steht eigentlich jedem offen, und auch wenn nicht: Man muss nur die gesamte Situation rational analysieren und sich überlegen, wie man sich einsetzen will und kann. Für jeden noch so paranoiden Menschen gibt es Möglichkeiten Geld oder Zeit in die Legalisierungsbewegung zu stecken. Man muss es eigentlich nur wollen.

Denn langfristig ist verstecken und verheimlichen alleine keine empfehlenswerte Taktik. Verstecken macht nämlich nur dann Sinn, wenn man aus seinem Versteck heraus versucht die Situation zu verbessern. Wenn es irgendwann wieder die Möglichkeit gibt aus seinem Versteck heraus zu kommen. Niemand will ewig in Parallelwelten leben und sich überall verstellen wo ihm „die anderen“ begegnen. Das ist kein Leben. Daher kann ich euch nur alle aufrufen: Tut was ihr könnt. Nicht mehr, und nicht weniger.

Euer Groooveman

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4 Gedanken zu „Arbeiten oder Gesicht zeigen?

  1. Andreas

    Hallo groooveman85,

    ich habe über facebook einen link zu deinem blog erhalten, und muss sagen-> du sprichst mir aus der seele, ich selbst befinde mich leider gottes in solch einer situation, berenteter dronabinol patient mit laufendem cannabis-flos antrag aus dem öffentlichen dienst, der aller vorraussicht nach durch die gute wirkung seiner medizin bald wieder arbeiten darf, ich möchte so gern aktiv was machen um meinen mitmenschen bezüglich der prohibition zu helfen, doch die existenzangst wegen einem potenzielem jobverlust überwiegt meinen ambitionen, was mich sehr ärgert, ich suche noch verzweifelt nach eventuellen urteilen, die mich vor einer kündigung schützen könnten, doch bis dato habe ich nichts gefunden, so das ich still mitlesen und ab und zu auf einem “ like “ butten drücken darf, das ist zutiefst unbefriedigend, weil ich zu den menschen gehören möchte, die ihr leben aktiv leben und mich durch das vorurteilbasierte falschdenken der lobby in meinem leben beschnitten fühle, doch durch deinen blog weiss ich nun das ich nicht alleine mit diesem problemen zu kämpfen habe, danke dir dafür

  2. Sich zu engagieren ist sicher richtig. Zu wissen, dass man nicht allein ist auch. Ob man sich verstecken muss? Schade, wenn man sich – ihne etwas „angestellt“ zu haben – verstecken muss. Da gäbe es besser Dinge, mit denen man sich und anderen die Zeit verteiben kann.

    Das mit dem anonym ist allerdings so eine Sache. Ein Schriftsteller darf unter einem Pseudonym schreiben – das kann wichtig und richtig sein (Herman Hesse veröffentlichte eines seiner Bücker unter einem Pseudonym um zu zeigen, dass es das Thema nicht der Schriftsteller ist, der interessiert). Und freilich: Wenn ich mich um eine neue Stelle bemühe, möchte ich nicht, dass der aktuelle Nocharbeitgeber, das weiss. Es gibt auch Arbeitgeber, die anonym ausschreiben …

    Dass die Internetanoymität angegangen wurde, hat auch zur Folge, dass Privatpersonen im Fernsehen nun mit Namen genannt werden, das war vorher gegen den Datenschutz – und sollte es heute auch sein. Es mag ja ganz nett sein, wenn man sich unsterblich in die Schün aus XY verliebt hat und nun nur ein paar Menschen in dieser Stadt anrufen muss und fragt: „Ist X da?“ um zu wissen, wo die Schöne wphnt, sich per Streetview anschauen kann, wie sie lebt und …

    Ein Politiker hat das so begründet: „Da kann einer herumpöbeln – und man bekommt ihn nicht!?!“. Dieser Politiker weiss über das Interent sehr wenig Bescheid, gisst das Kind mit dem Bade aus und zeigt, dass er mit Kannonen auf Spatzen schiesst und dabei sehr viel mehr kaputt macht und andere in die Enge drängt – alles nur dafür, dass man jetzt jemanden wegen Politikerschelte anzeigen kann.

    Wie war das mit den zwei Politikern in Augsburg, die Drohbriefe verschicken … Wie so oft zur Zeit: Viel kaputt und nichts gewonnen.

    • Was tatsächlich ein wichtiger Punkt ist: Es gäbe viiiel wichtigere Themen und Zeitvertreibe mit denen wir uns beschäftigen sollten als mit Repression, Anonymität und Versteckspielen.

      Auch ganz persönlich sind diese Themen keine befriedigende Beschäftigung. Es nervt eigentlich nur sich damit zu beschäftigen und raubt vielen sicherlich auch die Kraft den Blick auf das wesentliche zu lenken. Dennoch ist es eben ein Thema das viele beschäftigt und wir können es nicht völlig ausgrenzen. Man muss sich selber mit seinen Ängsten auseinandersetzen, die eigenen Grenzen erkennen und einhalten aber dennoch sukzessive an den eigenen Möglichkeiten arbeiten.

  3. Na ja – in Augsburg wurde im Nachhinein festgestellt, dass das dortige Vorgehen unrechtmäßig war.

    Mit einem Wohnsitz in Bayern ist die Entscheidung sein Gesicht zu zeigen oder seinen echten Namen zu nennen natürlich schwerer und wie Grooveman ja richtig sagt, ist die persönliche Situation bei jedem anders, so dass jeder diese Entscheidung für sich treffen muss.

    Vor einiger Zeit, habe ich mich, mit etwas anderem Ansatz, auch mit dieser Thematik beschäftigt: http://antonioperi.wordpress.com/2012/12/30/post-privacy-und-drogen-im-netz/

    Meine, im Artikel geäußerte, Meinung zu diesem Thema habe ich mittlerweile aber geändert. Anfang April habe ich auf einer Demonstration in Maastricht erstmals 2 Reden gehalten. Direkt eine Woche später dann auf dem Smokeout in Amsterdam: http://www.youtube.com/watch?v=768LrB7LEvg

    Meine gesamten bisherigen Aktivitäten kann man sich hier ansehen: http://www.youtube.com/channel/UC87uh0MjSFR0gEsONgzObRg?feature=watch

    Allerdings bin ich nur unter meinem Pseudonym/Nickname bekannt, Antonio Peri ist für mich aber (da ich seit langen Jahren unter diesem Namen in der Thematik unterwegs bin) aber längst mehr als ein Nick geworden. Aufgrund desssen, dass Arbeitgeber Bewerber googlen, sehe ich auch keine Notwendigkeit meinen Realnamen mit dem Thema zu verknüpfen. Bisher funktioniert das gut so.

    Behörden, die wissen wollen wer ich bin (oder das bereits schon wissen) brauchen sich natürlich nicht großartig anstrengen. Ich verschleiere nicht einmal meine IP.

    Ich hoffe natürlich auf keine Schikane durch Behörden etc., aber ich rechne durchaus damit. Bisher waren meine Erfahrungen mit der öffentlichen Wahrnehmbarkeit aber durchweg positiv.

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